Analoge Fotografie mit der Lochkamera im Haus der Familie in Flensburg

Millionen von Bilder jeden Tag, wir schalten auf Durchzug und Ignoranz, Bilder plätschern dahin wie seichte Musik im Radio. Ich habe mich entschieden manchen Bildern für mich mehr Gewicht zu geben. Bilder einfach einmal nicht digital zu fotografieren, sondern mit etwas was einem Schuhkarton oder einer Keksdose sehr nahe ist. Manche Bilder entstehen sogar mit einer Kaffeedose. Es gibt keine Linsen, keinen Sucher sondern nur dieses kleine Loch in der Frontseite der Kamera, das meistens mit einem Klebeband verschlossen wird.

Ein wenig mehr zur Technik gibt es hier
http://nordisch-fotografie.de/faszination-lochbildkamera/



Meine Bilder, die hier gezeigt werden, sind ein kleiner Teil dessen was im September in der Dänischen Bibliothek zu sehen ist. „Auf der Grenze“

Etwas, was auf vielen Ebenen zu den Bildern, zu mir und vor allem zu der Machart der Bilder passt.

Alle Bilder dieser Ausstellung, die von mir stammen, sind mit Lochkameras entstanden. Kameras, die ein Stück Fotopapier oder einen Film nutzen, um das Gesehene aufzunehmen. Kameras, die keinen Sucher und kein Objektiv benötigen, um eine Fotoaufnahme zu machen. Lediglich sind ein kleiner dunkler Raum sowie ein verschließbares kleines Loch notwendig, damit das Fotopapier nicht unkontrolliert belichtet wird. Viele dieser Kameras werden selbst gebaut. Ich liebe die Eigenschaften wie den extrem große Bildwinkel, diese gerade ausreichende Bildschärfe und die Notwendigkeit von langen Belichtungszeiten. Manche Bilder dieser Ausstellung sind sogar mit einer alten, eigens zur Lochkamera umgebauten Kaffeedose aufgenommen.

Komplizierte Technik ist also nicht relevant bei dieser Art der Fotografie.

Sehen und Fühlen schon eher. Jedes Bild, das ich mache, entsteht bewusst. Ich sehe die Dinge und füge sie zusammen. Wenn ich sie dann mit der Lochkamera fotografiere, ist Zeit genug, alles noch einmal Revue passieren zu lassen, zu prüfen, ob es sich richtig anfühlt. Manchmal entsteht ein zweites oder drittes Bild, aber meist reicht eines aus.

„Auf der Grenze“ zeigt Bilder, die alle an der Flensburger Förde entstanden sind. Bilder, die am Meer auf beiden Seiten der Förde fotografiert wurden und oft die andere Seite mit einbeziehen. Dazwischen die Menschen, Brücken, Steine oder Bäume. Die Motive sind oft emotional und pur. Oft zeigen sie die lange Belichtungszeit, die alles ein wenig surreal erscheinen lässt. Immer zeigen die Bilder die Weite der Landschaft und meist auch die Gefühle und Gedanken der Menschen, die hier leben.

Eine Grenze, die gefühlt eigentlich keine mehr ist und von den meisten Anwohnern schon gar nicht als solche verstanden werden will. „Auf der Grenze“ bedeutet, diesem Ort, dieser Grenze einen Raum zu geben. Für mich gehören alle Menschen, die hier leben in der einen oder anderen Form zusammen, verbunden durch den Fjord. Es ist meine Heimat und meine Sehnsucht. Immer wieder erinnere ich mich an die Anfangszeit von Corona. Die Grenzen wurden geschlossen und es fühlte sich für mich an, als hätte man mir die Hälfte von meinem Zuhause genommen. Für mich ist es aber genau dieser Ort, der in mir dieses Gleichgewicht erzeugt und dem ich diese Bilder verdanke.

Die Küste selbst ist eine Grenze zwischen dem sicheren Land und dem Meer. Es heißt hier oben im Norden, man brauche nur den Finger in die Wellen einzutauchen und sei mit der ganzen Welt verbunden.

Manche Menschen, die ich fotografiere, sind weiblich und nackt. Nackt deshalb, damit der echte Mensch wieder zum Thema wird und nicht der digital optimierte. Nackt deshalb, damit es den wahren Menschen zeigt, ohne Verkleidung oder die Möglichkeit sich darin zu verstecken. Die Bilder wirken zeitlos, Menschen, die aus deiner Nachbarschaft stammen könnten. Niemand, der es gewohnt ist, vor einer Kamera zu posieren. Zwischendurch immer wieder die Steine, die einem Halt geben in dem bewegten Wasser.

Es sind immer wieder diese natürlichen Dinge und Momente auf der Grenze, die ausgelotet werden und Bestand haben in meinen Bildern. Dabei hat jedes Bild für mich seine eigene Geschichte und Bedeutung.

Nur wenig an den Bildern lässt die Zeit erkennen, in der sie gemacht sind. Die Bilder hätten genauso aus der Anfangszeit der Fotografie stammen können.

Jörg Oestreich im April 2024

mail@joergoestreich.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert